12. Oktober 2026

Warum ein Klimaschaden von 1 % des BIP Europas Banken beunruhigt

Lesezeit: 10min

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Der Hitzesommer 2026 hat in der EU durch anhaltende Dürre einen Schaden von schätzungsweise 180 Milliarden Euro verursacht – das entspricht rund einem Prozent der europäischen Wirtschaftsleistung. Vor diesem Hintergrund rücken Klimarisiken auch für Banken und Versicherer immer mehr in den Fokus.

Klimarisiken schlagen sich zunehmend in den Bilanzen nieder, weshalb Banken und Versicherer ihre Kredit- und Versicherungsbedingungen voraussichtlich verschärfen werden. Unternehmen suchen deshalb nach Wegen, ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken, die Auswirkungen des Klimawandels auf ihr Geschäft zu begrenzen und die ökologischen Folgen ihres Handelns zu verringern.

In diesem Artikel blickt Planet2050 auf den 10. Sustainable-Finance-Gipfel zurück, der am 1. und 2. Oktober 2026 an der Frankfurt School of Finance & Management stattgefunden hat.

Zusammenfassung

  • Der Hitze- und Dürresommer 2026 könnte das EU-BIP schätzungsweise um 1%, also rund 180 Mrd. Euro, verringern.

  • Mit zunehmendem Klimarisiken könnten Banken und Versicherer strengere Bedingungen für Kredite und Versicherungen festlegen.

  • Unternehmen benötigen Resilienz und belastbare, verifizierte Daten, um ihren Zugang zu Finanzierung zu sichern.

  • Verifizierte, hochwertige Carbon-Removal-Projekte dürften bis 2050 an Bedeutung gewinnen.

ÜBER DIE VERANSTALTUNG:

  • Die vom Sustainable Finance Cluster organisierte Veranstaltung stand unter dem Motto „Sustainable Finance: Bridging the Financial and Real Economy“. Knapp 1.000 Personen hatten sich angemeldet.

  • Im Mittelpunkt standen die Finanzierung des wirtschaftlichen Wandels, physische Klimarisiken und Widerstandsfähigkeit, die Finanzierung von Naturschutz, Kohlenstoffmärkte, ESG-Daten und der Einsatz von künstlicher Intelligenz.

  • Zu den Redner:innen und Teilnehmenden gehörten Vertreter:innen verschiedener Organisationen und Unternehmen, darunter Commerzbank, Deutsche Bank, DHL und Fresenius Medical Care sowie die Europäische Zentralbank, die Europäische Kommission und das Bundesumweltministerium.



Marktthese: CO2-Emissionen und Klimafolgen brauchen einen Preis

Der Klimawandel verursacht bereits heute erhebliche Kosten. Solange CO₂-Emissionen jedoch weitgehend nicht angemessen bepreist werden, entstehen diese Kosten an anderer Stelle: durch unmittelbare Schäden, sinkende Produktivität und Vermögenswerte, die sich nicht mehr zu vertretbaren Konditionen versichern lassen.

Banken und Versicherer berücksichtigen diese realen wirtschaftlichen Risiken zunehmend bei ihren Entscheidungen. Planet2050 geht davon aus, dass sie ihre Bedingungen schrittweise verschärfen könnten. Dazu gehören höhere Risikoaufschläge, strengere Kreditvergabekriterien und ein eingeschränkter Versicherungsschutz für besonders gefährdete Vermögenswerte.

Für Unternehmen entsteht dadurch Druck von zwei Seiten. Der Klimawandel beeinträchtigt ihre Geschäftstätigkeit und den Wert ihrer Vermögenswerte. Gleichzeitig wirkt sich ihr eigener ökologischer Fußabdruck auf Klima und Natur aus. Diese doppelte Perspektive wird als „doppelte Wesentlichkeit“ bezeichnet und entwickelt sich zunehmend zum Maßstab für Kreditgeber und Investoren.

Carbon Removal kann bei beiden Herausforderungen helfen. Dabei wird CO₂ aus der Atmosphäre entnommen und dauerhaft gespeichert, zum Beispiel durch Pflanzenkohle (Biochar), eine stabile, kohlenstoffreiche Form von Holzkohle, die Kohlenstoff in Böden bindet, oder durch die Wiederherstellung von Wäldern. In Kombination mit echten Emissionsminderungen kann dies Unternehmen helfen, ihre Klimawirkung zu senken und zugleich die finanziellen Risiken der Transformation zu steuern.



Wo Banken und Versicherer heute stehen

Finanzinstitute unterscheiden grundsätzlich zwei Hauptkategorien von Klimarisiken:

Physische Risiken: direkte finanzielle Verluste oder Schäden durch Klimaereignisse wie Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen. 

Transitionsrisiken: finanzielle Auswirkungen des wirtschaftlichen Wandels hin zu einer CO2-armen Wirtschaft, etwa durch neue Regulierung, technologische Veränderungen oder eine veränderte Marktnachfrage.

Die Kosten physischer Risiken werden sichtbar

Auf dem Gipfel verwies Olaf Sleijpen, Präsident der De Nederlandsche Bank und Vorsitzender des Network for Greening the Financial System (NGFS), auf Schätzungen, denen zufolge der außergewöhnliche Sommer 2026 das EU-BIP voraussichtlich um rund 1% verringern könnte, also um etwa 180 Milliarden Euro. Die Schätzung stammt aus einer Analyse der Triodos Bank. Der größte Teil der geschätzten wirtschaftlichen Einbußen entfällt voraussichtlich nicht auf zerstörte Gebäude, sondern auf geringere Produktivität und unterbrochene Lieferketten.

Unabhängig von der öffentlichen Debatte über den Klimawandel: Die Folgen sind in nahezu allen Bereichen der Wirtschaft bereits messbar.

Arbeit und Produktivität: Laut der Studie des Thinktanks Verdant sinkt die Wertschöpfung pro Arbeitsstunde in europäischen Volkswirtschaften um rund 3% je zusätzlichem Grad Celsius über 30 °C.

Landwirtschaft: Allein die Hitzewelle im Juni vernichtete laut einer von ABC News zitierten Schätzung 9 Millionen Tonnen Getreide, was für Landwirt:innen zu geschätzten Umsatzeinbußen von rund 2 Milliarden Euro geführt haben soll.

Verkehr und Industrie: Die Pegelstände des Rheins fielen auf den tiefsten Stand seit fast 150 Jahren. Nach einer vom Kiel Institut für Weltwirtschaft zitierten Schätzung könnte dies das deutsche BIP im dritten Quartal um bis zu 0,2% verringern.

Energie: Rekordniedrige Abflussmengen an Loire, Po, Rhein und Donau verringerten laut der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU die Stromerzeugung aus Wasserkraft und teilweise auch aus Kernenergie, unter anderem in Frankreich.

Tourismus: Flusskreuzfahrten in Teilen Europas wurden abgesagt oder beeinträchtigt, weil Wasserstraßen zeitweise nicht mehr schiffbar waren.

El Niño: der nächste Stresstest

Es könnten noch größere Auswirkungen bevorstehen. El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen, bei dem sich der tropische Pazifik erwärmt, wodurch sich Wettermuster weltweit verschieben und die globalen Temperaturen tendenziell steigen. Im September 2026 schätzte die US-amerikanische Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA die Wahrscheinlichkeit eines sehr starken El Niño in diesem Herbst und Winter auf über 90%. Für Oktober bis Dezember 2026 veranschlagte die NOAA die Wahrscheinlichkeit eines historisch starken Ereignisses auf 75% - das stärkste Ereignis seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1950.

Die Weltorganisation für Meteorologie erwartet, dass El Niño die Wahrscheinlichkeit von Hitzewellen, Dürren und Starkregen in vielen Regionen erhöht. Die beiden Rückversicherer Munich Re und Swiss Re weisen darauf hin, dass wetterbedingte Schäden und Kosten weiter steigen könnten. Auch die NOAA weist hält fest, dass konkrete regionale Auswirkungen sehr wahrscheinlich sind. Dennoch sind globale Lieferketten, Lebensmittelpreise und Rohstoffmärkte exponiert, und die kommenden Monate könnten zu einem Stresstest dafür werden, wie gut Banken, Versicherer und Investoren das Klimarisiko eingepreist haben.

Weiterlesen: Unser Artikel zu El Niño

Banken: Risiko erkannt, aber zu wenig Daten

Für den ESG-Datenmonitor 2026, veröffentlicht von der Frankfurt School of Finance & Management gemeinsam mit openESG und Acuity Analytics, wurden 154 Fachleute aus Banken und Leasinggesellschaften befragt.

Wenn kleine und mittlere Unternehmen keine eigenen Klima- oder ESG-Daten liefern, greifen rund 89 bis 94% der befragten Institute auf Branchendurchschnittswerte zurück. Höchstens 21% nutzen in Standardkreditprozessen von Unternehmen gemeldete Daten.

Das hat Folgen für beide Seiten: Ein Unternehmen, das besser abschneidet als seine Branche, kann dies möglicherweise nicht nachweisen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass Risiken falsch eingeschätzt werden.

Banken konzentrieren sich deshalb auf Daten, die sich zuverlässig erfassen lassen. 72 % der Befragten berücksichtigen bei Kreditentscheidungen vor allem die Branche eines Unternehmens. Die unternehmenseigenen Treibhausgasemissionen berücksichtigen hingegen nur 37 %. Gemeint sind Scope 1 und 2: direkte Emissionen sowie Emissionen aus eingekaufter Energie.

Auch Vertreter großer Banken bestätigten dieses Bild auf dem Gipfel. ING sprach offen über die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Risikolage und dem, was Banken derzeit messen können.

Die Commerzbank stellte einen integrierten Biodiversitäts-Score vor, mit dem sie Kund:innen bewertet und ihr Portfolio steuert.

Klimarisiken werden nur qualitativ bewertet. Quelle: Munich Re.


Versicherer: Rückzug, wenn Risiken unkalkulierbar werden

Versicherungsschutz ist ein oft übersehenes Fundament des Finanzsystems, denn Banken finanzieren kaum Vermögenswerte ohne ausreichenden Versicherungsschutz.

Auf den Panels wurde berichtet, dass einige Versicherer bestimmte naturbezogene Risiken, darunter Risiken für Wälder, bereits nicht mehr abdecken.

Die Commerzbank brachte die Konsequenz klar auf den Punkt: Unternehmen, die sich nicht versichern lassen, werden letztlich auch keine Bankfinanzierung mehr erhalten.

Die Lücke zwischen Schäden und Versicherungsschutz ist bereits groß. Laut Munich Re verursachten Naturkatastrophen im ersten Halbjahr 2026 weltweit Schäden von rund 112 Milliarden US-Dollar, davon waren jedoch nur rund 44 Milliarden US-Dollar versichert. Damit blieb eine Versicherungslücke von rund 60%.

Für Investor:innen ist das ein wichtiges frühes Warnsignal. Steigende Versicherungskosten oder der Wegfall des Versicherungsschutzes können den Wert einer Anlage mindern, lange bevor überhaupt ein physischer Schaden eintritt.

Grafik: Naturkatastrophen im 1. Halbjahr 2026 in Zahlen, Munich Re.

Regulierung: weniger Berichtspflichten, aber derselbe Datenbedarf


Mit dem Omnibus-I-Paket der EU sollen sich die Berichtspflichten der CSRD auf Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und über 450 Millionen Euro Jahresumsatz konzentrieren. Banken sind von ihren Aufsichtsbehörden jedoch weiterhin verpflichtet, Klima- und Umweltrisiken in ihren Portfolios zu erfassen und zu steuern.

Verlässliche Daten über kleinere Unternehmen könnten dadurch noch schwerer zu bekommen sein: 49 % der Befragten erwarten, dass sich die ESG-Datenerhebung eher verschlechtert als verbessert. 

Foto: Nach einer Überschwemmung blockierter Fußweg.

Unternehmen: vom Risiko zum Handeln

Strengere Finanzierungsbedingungen machen das Klimarisiko zu einem direkten unternehmerischen Thema. Unternehmen, die ihre Risiken und Emissionen nicht dokumentieren können, werden am Branchendurchschnitt gemessen, was oft zu ihrem Nachteil ist.

Der Aufwand für eine bessere Datengrundlage kann überschaubar sein: Laut ESG-Datenmonitor 2026 können 74% der Befragten die ESG-Daten eines Unternehmens in weniger als zwei Stunden erfassen.

Unternehmen können deshalb in drei Schritten vorgehen: Sie messen ihre Emissionen und ihre Klimaexposition, reduzieren, was möglich ist, und adressieren verbleibende Emissionen gegebenenfalls durch hochwertiges Carbon Removal. Das stärkt ihre Resilienz und verschafft ihnen eine deutlich bessere Position in Gesprächen mit Banken und Versicherern.


Kohlenstoffmärkte und Naturschutz: Wie verlässliche Standards entstehen

Über Kohlenstoffmärkte können Unternehmen und Staaten Zertifikate für CO2 erwerben, das an anderer Stelle reduziert oder entnommen wird.

Auf dem Gipfel stellte die Europäische Kommission ihre Roadmap für Naturzertifikate (Nature Credits) vor. Das neue Instrument befindet sich noch in einer frühen Phase und soll messbare Verbesserungen von Ökosystemen honorieren, unterstützt durch Pilotprojekte und Finanzierung der Europäischen Investitionsbank.

Das Bundesumweltministerium hob naturbasierte CO2-Entnahmen, etwa durch die Wiederherstellung von Wäldern, als doppelte Chance hervor, weil sie CO2 speichern und gleichzeitig Ökosysteme wiederherstellen. Da erneuerbare Energien zum Standard werden, dürften CO2-Entnahmen bis 2050 eine immer wichtigere Rolle spielen.

Auch die Anforderungen an die Qualität solcher Projekte steigen. Sowohl der UN-Mechanismus nach Artikel 6.4 des Pariser Abkommens als auch der Integrity Council for the Voluntary Carbon Market (ICVCM) verlangen Schutzmechanismen, kontinuierliches Monitoring sowie Absicherungen gegen Umkehrungen, etwa durch Pufferpools, das sind Reserven an Zertifikaten zum Ausgleich möglicher Verluste durch Brände oder Entwaldung, oder durch spezielle Versicherungsprodukte.

Auf dem Weg zu regulierten und institutionellen Kohlenstoffmärkten können neue Integritätsgremien, strengere Standards und Zertifizierungssysteme, z. B. das EU-CRCF, das Vertrauen von Investor:innen stärken.

Wie Planet2050 Klima- und Naturprojekte bewertet

Planet2050 ist ein Unternehmen für Carbon Finance, das Klima- und Naturprojekte in investierbare Carbon Assets verwandelt. Der Ansatz setzt genau dort an, wo Banken und Versicherer heute an ihre Grenzen stoßen: bei Daten auf Projektebene statt Branchendurchschnitten.

Über den Planet2050 Hub, die Plattform für Projektprüfung und Projektdaten, bewertet Planet2050 jedes Projekt anhand von vier Kernfragen:

  • Qualität: Liefert das Projekt echte und zusätzliche CO2-Reduktionen oder -Entnahmen, gemessen nach anerkannten Standards?

  • Permanenz: Wie lange wird das CO2 gespeichert, und welche Mechanismen schützen vor einer Umkehrung der CO2-Wirkung, etwa durch Brände oder Landnutzungsänderungen?

  • Physisches Risiko: Wie stark ist der Projektstandort Hitze, Dürre, Überschwemmungen oder anderen Klimafolgen ausgesetzt?

  • Versicherbarkeit und Monitoring: Lassen sich die verbleibenden Risiken über Pufferpools oder Versicherungen abdecken, und gibt es ein kontinuierliches Monitoring, Reporting und Verifizierung (MRV)?

Nur Projekte, die diese Prüfung bestehen, können als verifizierte CO2-Zertifikate (Verified Carbon Credits) in das Planet2050-Portfolio aufgenommen werden. So werden Risiken transparent, bevor Kapital gebunden wird.

Fazit

Der Verlust von 1 % des europäischen BIP zeigt, dass der Klimawandel kein fernes Risiko mehr ist, sondern Kosten verursacht, die die Wirtschaft bereits heute trägt.

Banken und Versicherer werden diese Risiken bei ihren Entscheidungen möglicherweise strenger bewerten. Unternehmen ohne belastbare Daten und glaubwürdige Klimastrategien dürften die Folgen zuerst spüren. CO2 zu messen, Emissionen zu reduzieren und verbleibende Emissionen gegebenenfalls durch Carbon Removal zu adressieren, wird damit zu einem wichtigen Faktor für den Zugang zu Kapital.

Planet2050 baut die Carbon-Finance-Infrastruktur, die diese Carbon Assets messbar, versicherbar und investierbar macht.

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